Wie werden alle deine Sünden vergeben?

MP3 OGG EPUB PDF

In der ersten Hälfte der 95 Thesen, auf die wir am vergangenen Samstag eingegangen sind, diskutierte Luther vorwiegend die biblische Lehre wahrer Busse und enthüllte die falschen Grundlagen des Ablasshandels und des Fegefeuers. Im Folgenden, so ab These 53 beginnt er das Verhältnis von der kirchlichen Ablasspraxis und dem Evangelium zu besprechen. Dieses Verhältnis, so mahnt er an, ist in der Kirche völlig in Schieflage geraten. Seine Kritik besagt, dass die Ablasspredigten der kirchlichen Beauftragten das Evangelium verdrängt hätten. Danach kommt er auf den Schatz der Kirche zu sprechen. Wir hatten ja festgestellt, dass die römische Kirche sich herausnahm, einen Schatz an guten Werken und Heiligkeit zu verwalten, der aus dem Verdienst Christi und der Heiligen bestehen würde. Luther korrigiert, dass der Schatz der Kirche allein das Evangelium vom Heil, der Vergebung in Jesus Christus, besteht.

Luther scheint an diesem Punkt in seiner Geschichte dem Ablass noch eine gewisse Berechtigung einzuräumen. So wie ich ihn verstehe, will er aufzeigen, was denn ein richtig verstandener Ablass sein soll; d.h. wie die Kirche die Bussfertigen in bestimmten Situationen beraten und auf welchem Weg sie ihnen Vergebung zusprechen sollte. Ich möchte im Folgenden diese Thematik anhand von drei Punkten behandeln:

  1. Das Verhältnis von Ablass und Evangelium
  2. Der wahre Kirchenschatz
  3. Die Anwendung des Evangeliums in der Seelsorge

Das Verhältnis von Ablass und Evangelium

Um das Verhältnis von kirchlichem Ablass und dem Evangelium zu verstehen, müssen wir zuerst verstehen, was das Evangelium überhaupt ist. Dass die römische Kirche überhaupt dazu kam, einen Ablasshandel zu praktizieren, liegt meines Erachtens daran, dass sie das Evangelium nicht wirklich verstanden. Die Kirche Roms, und ich wage zu behaupten, mit ihr bis heute viele evangelikale Kirchen, haben es versäumt, das ganze Ausmass dessen, was Christus uns durch sein Leben und Sterben erworben hat, festzuhalten und auch zu verkündigen. Ich masse mir nicht an, diesen Mangel in einem Vortrag auszugleichen und den ganzen Ratschluss Gottes hier vollumfänglich zu präsentieren. Trotzdem, um zu verstehen, was am römischen Ablasshandel verkehrt ist, müssen wir zumindest in einer Zusammenfassung die Kernwahrheiten des Evangeliums festhalten.

Was ist der Verdienst Christi? Was hat Christus uns tatsächlich durch sein Leben und Sterben erworben, für uns bewirkt? Wie kommt es zur Anwendung? Je nachdem, wie wir diese Frage beantworten, wird das unseren Glauben und unsere Frömmigkeit entscheidend prägen. Ist das Heilswerk Christi synergistisch oder monergistisch zu verstehen?

Die römische Kirche vertritt und lehrt bis heute ein synergistisches Heilsverständnis, das heisst ein Zusammenwirken des Menschen mit Gott/Christus im Erlangen des Heils. In diesem Verständnis – das übrigens auch in die evangelikale Frömmigkeit eingedrungen ist – wirkt der Mensch mit Gott zusammen, damit jemand tatsächlich das Heil erlangt. Christus habe es durch seinen Tod am Kreuz ermöglicht, dass jemand gerettet werden kann. Das Heil in Christus stehe nun als Möglichkeit, als ein Angebot für jeden bereit. Es muss noch gewollt und in Anspruch genommen werden, dann erst wird es wirksam im Leben eines Einzelnen. Diese Anwendung hat die Kirche Roms dann unter anderem durch das Ablass-System verwaltet.

Luther und die anderen Reformatoren, wie Calvin, Zwingli, Bullinger, Oekolampad – um nur einige zu nennen – und die reformierten Denker, die ihnen nachfolgten, lehrten auf dem Grund der Auslegung der Biblischen Texte ein monergistisches Verständnis vom Heil. Das heisst: Christus allein hat – ohne Mitwirkung der Menschen an irgendeiner Stelle – das Heil, die Rettung des Sünders, nicht nur ermöglicht, sondern hat es durch sein Leben und Sterben tatsächlich bewirkt. Was die Menschen beigetragen haben, ist nur ihre Rebellion, ihr Ungehorsam gegen Gott, die Sünde. Gott hat sich erbarmt über eine unzählbar grosse Schar von Sündern und hat für sie das Heil bestimmt, das sein Sohn Jesus Christus für sie erwerben soll.

Der Mensch hat Gottes Gerechtigkeit, die er von ihm fordert, nicht erfüllt. Damit er wieder in Gottes Gemeinschaft aufgenommen werden kann, muss diese Schuld ausgeglichen werden. Darum hat Gottes Sohn, der Christus, als Stellvertreter für die dazu bestimmten Menschen vollkommene Gerechtigkeit gelebt. Diese fremde Gerechtigkeit wird ihnen nun angerechnet, und sie stehen so vor Gott, wie wenn sie selbst die geforderte Gerechtigkeit erfüllt hätten. Sie haben nichts dazu beigetragen, alles hat Gott in Christus für sie bestimmt und wirksam gemacht und ihnen als Geschenk zugerechnet.

In gleicher Weise hat Christus die Schuld derselben Menschen gesühnt, für sie bezahlt. Als ihr Stellvertreter wurde sie ihm von Gott aufgeladen und er hat sie zur Hinrichtungsstätte getragen.

Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm. (2. Korinther 5,12)

Wenn ich nun auf diese Stellvertretung Christi für mich vertraue, durch den Glauben, der mir ebenfalls geschenkt wurde (Epheser 2,8), dann erweist es sich dadurch, dass ich Teilhaber des Heilswerks Christi bin. Dass ich den Glauben habe, der mich rettet und in den Leib Christi, seine Kirche, eingliedert werde, ist der Beweis dafür, dass Christus das Heil für mich erworben und an mir wirksam gemacht hat.

Das alleinige Wirken Gottes hat weitere Auswirkungen in meinem Leben. Ich bin nicht nur als gerecht erklärt, von meiner Schuld freigesprochen, von meiner Sünde gereinigt – ich bin dadurch auch definitiv und für immer von Gott angenommen.

Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben. Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist grösser als alle, und niemand kann sie aus der Hand meines Vaters rauben. (Johannes 10,27-29)

Das Neue Testament lehrt auch, dass das Werk Gottes in Christus uns zu Söhnen macht. Dazu hat Gott die Glaubenden bestimmt, bevor er die Welt schuf.

Wie er uns in ihm auserwählt hat vor Grundlegung der Welt, dass wir heilig und tadellos vor ihm seien in Liebe und uns vorherbestimmt hat zur Sohnschaft durch Jesus Christus für sich selbst. (Epheser 1,4-5)

Durch den Glauben an Christus sind wir in diese Sohnschaft eingesetzt, zu erbberechtigten Kindern Gottes geworden:

Denn ihr alle seid Söhne Gottes durch den Glauben an Christus Jesus. (Galater 3,26)

Als aber die Fülle der Zeit kam, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau, geboren unter Gesetz, damit er die loskaufte, die unter Gesetz waren, damit wir die Sohnschaft empfingen. Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen, der da ruft: Abba, Vater! Also bist du nicht mehr Sklave, sondern Sohn; wenn aber Sohn, so auch Erbe durch Gott. (Galater 4,4-7)

Dass wir in diese Stellung als Söhne und Erben definitiv eingesetzt sind, gibt uns eine Hoffnung, die nicht zunichte gemacht werden kann: Das himmlische Erbe.

Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der nach seiner grossen Barmherzigkeit uns wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi aus den Toten zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbteil, das in den Himmeln aufbewahrt ist für euch, die ihr in der Kraft Gottes durch Glauben bewahrt werdet zur Errettung, die bereit ist, in der letzten Zeit geoffenbart zu werden. (1. Petrus 1,3-5)

Das Leben im Glauben, auf der Grundlage des Evangeliums – der guten Nachricht von der Vergebung und Neuschöpfung in Christus – ist nicht auf menschliche Bemühungen gebaut. So, als bekäme der Mensch von Gott etwas Gnade, mit deren Hilfe er dann den grossen Rest seines Heils vollbringen kann oder soll. Es ist vom Anfang bis zum Ende ein Geschenk Gottes, das jedes vorbereitende Wirken von menschlicher Seite ausschliesst. Und es beinhaltet alles, was wir für die völlige Annahme bei Gott benötigen.

Wenn wir das verstanden haben, dann sehen wir auch, dass jede Art von Ablass, den eine Kirche verwalten und verkaufen möchte, überflüssig ist. Das Evangelium ist der wahre Ablass, und dieser wurde schon geplant, bevor überhaupt eine Kirche bestand, bevor überhaupt ein Volk Gottes bestand. Und er wurde schon in Kraft gesetzt, lange bevor eine römische Kirche bestand.

Wer neben dem vollen Freispruch, der im Evangelium versprochen wird, irgendeinen zusätzlichen Ablass einsetzen will, der fügt in Wirklichkeit nicht hinzu, sondern er nimmt etwas vom Evangelium weg. Er bestreitet, dass das Heilswerk in Christus genügend ist. Damit beraubt er die Gläubigen der Hoffnung und der Freude im Glauben an Christus. Er macht aus der frohen Botschaft eine Last, die niemand tragen kann. Das Evangelium sagt: „Es ist alles geschehen; der Sieg über die Sünde und den Tod ist errungen! Nimm es an und lebe!“ Die römische Form der Frömmigkeit hingegen sagt: „Komm und beteilige dich, arbeite für dein Heil! Vielleicht kannst du das Heil gewinnen, vielleicht kannst du es behalten.“

Der wahre Kirchenschatz

Das Evangelium ist der wahre Ablass und damit der wahre Kirchenschatz. Diesen Schatz hat die Kirche zu verwalten. Sie kann keinen anderen Schatz verwalten als das Versprechen der vollen Vergebung für alle, die glauben, dass Gott in Christus alles getan hat. Das meint Luther, wenn er in der 60. These sagt: „Wohlbegründet sagen wir, dass die Schlüssel der Kirche – die ihr durch das Verdienst Christi geschenkt sind – jenen Schatz darstellen.“ Diese Schlüssel der Kirche wurden schon von den Propheten angekündigt. Sie versprachen in Gottes Auftrag, dass der Christus diese Schlüssel besitzen wird (Jesaja 22,22):

Und ich werde den Schlüssel des Hauses David auf seine Schulter legen. Er wird öffnen, und niemand wird schliessen, er wird schliessen, und niemand wird öffnen.

Der Apostel Johannes hörte die Worte des Auferstandenen (Offenbarung 1,18):

Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige, und ich war tot, und siehe, ich bin lebendig in alle Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und des Hades.

Zu Petrus und den Aposteln sagte Christus:

Und ich werde dir die Schlüssel des Reiches der Himmel geben; und was immer du auf der Erde binden wirst, wird in den Himmeln gebunden sein, und was immer du auf der Erde lösen wirst, wird in den Himmeln gelöst sein. (Matthäus 16,19)

Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr etwas auf der Erde binden werdet, wird es im Himmel gebunden sein, und wenn ihr etwas auf der Erde lösen werdet, wird es im Himmel gelöst sein. (Matthäus 18,18)

Dieses Amt der Schlüssel, die richtige Verwaltung des Kirchenschatzes, besteht darin, dass die Kirche das Evangelium verkündet. Zu lösen oder zu binden bedeutet, dass wir jemandem, der auf Christus vertraut, sagen können: „Dir sind deine Sünden vergeben! Du bist gelöst!“ Und dem, der nicht an das Heilswerk Christi glaubt und es nicht annimmt, müssen wir sagen: „Du bist noch gebunden! Deine Schuld bleibt auf dir. Wenn du nicht umkehrst, musst du die ewige Strafe in der Hölle erleiden!“

These 60

Die Kirche hat nicht das Recht oder die Macht, selbständig zwischen Gott und Menschen zu vermitteln. Nicht die Kirche, sondern Christus ist der Mittler zwischen Gott und Menschen. Die Kirche und ihre Diener können nur verkündigen, was Gott als Tatsache geschaffen hat. An eine Kirche, die es sich herausgenommen hat, in eigener Regie über die Gläubigen zu herrschen und nach eigenen, dem Evangelium fremden Vorstellungen den Zutritt zum himmlischen Erbe zu öffnen oder schliessen, geht das Wort Jesu (Matthäus 23,13):

Wehe aber euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! Denn ihr verschliesst das Reich der Himmel vor den Menschen; denn ihr geht nicht hinein, noch lasst ihr die hineingehen, welche hineingehen wollen.

Was Luther der römischen Kirche vorhielt, muss auch für die evangelischen Kirchen und Freikirchen von heute eine Ermahnung und eine Warnung sein. Wenn wir nicht das volle Evangelium und das, was es tatsächlich im Leben der Gläubigen bedeutet, verkünden, erfüllen wir nicht Gottes Auftrag an uns. Es würde uns gut bekommen, wenn wir uns darin prüfen würden, ob sich nicht auch bei uns heimlich, still und leise gewisse Formen von Ablasshandel eingeschlichen haben. Ob wir nicht unnötig Lasten auf die Schultern der Gläubigen legen, wenn wir nicht allein aus der Heiligen Schrift lehren, dass Gott allein aus Gnade, allein durch Christus uns das volle Heil geschenkt hat und dass dies allein durch den Glauben völlig empfangen wird.

Es geistern in der evangelikalen Szene viele falschen Lehren umher. Lehren, die implizit besagen, dass wir für die Sicherheit unseres Heils selbst zuständig sind. Oder dass Gott einen Anfang gemacht hat, indem er uns ein Angebot macht, das wir nach freiem Willen ergreifen können oder auch nicht – es hängt an uns, ob wir gerettet werden. Oder, dass Gott in Wirklichkeit nicht wisse, wie wir entscheiden werden – er würde nur auf unsere Entscheidungen reagieren. Die meisten dieser Lehren sind nicht neu, sie waren tatsächlich schon früh in der Christenheit präsent. Sie bildeten die Grundlage für den römischen Ablasshandel und hängen damit zusammen, dass man Gott nicht zuschreibt oder zutraut, dass er tatsächlich alles für das Heil der Gläubigen getan hat und von unserer Seite nichts getan werden kann und muss.

Der Schatz der Kirche ist das volle Heil in Christus. Er ist uns im vollen Umfang bereits geschenkt und kann nicht weggenommen werden, weil er auf Gottes Werk gegründet ist. Er kann auch nicht stückweise von der Kirche verwaltet werden, sondern muss verkündigt werden, so wie er uns in der Schrift präsentiert ist.

Die Anwendung des Evangeliums in der Seelsorge

Es gibt allerdings eine Form der Verwaltung des Kirchenschatzes, die sorgfältig geübt werden muss. Es ist - anstelle von Ablasshandel - die Anwendung des Evangeliums in der Seelsorge. In seiner ersten These schreibt Luther:

Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht „Tut Busse“, hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Busse sein soll.

Wir fallen täglich in Sünde, nicht nur in Taten, sondern auch in Gedanken, Wünschen und Worten. Und wir sind stets versucht, nicht allein aus Glauben zu leben, nicht allein auf Christus zu vertrauen, sondern die Dinge in unsere eigenen Hände zu nehmen. Dafür brauchen wir Vergebung und Korrektur, Wegweisung, um wieder auf den Weg des kindlichen Vertrauens zurück zu finden. Und wir müssen wachsen in der Erkenntnis Gottes und im Verständnis seiner Gnade. Je mehr wir Gott erkennen, desto mehr werden wir auch uns selbst erkennen und eben diesen Weg der Busse gehen können. Dies alles können wir nicht für uns allein bewältigen. Gott hat uns dafür Diener und Dienste der Kirche gegeben (Epheser 4,11-13):

Er hat die einen als Apostel gegeben und andere als Propheten und andere als Evangelisten und andere als Hirten und Lehrer, zur Ausrüstung der Heiligen für das Werk des Dienstes, für die Erbauung des Leibes Christi, bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zur vollen Mannesreife, zum Vollmass des Wuchses der Fülle Christi.

Die Ersteren dieser Diener – Apostel und Propheten – haben wir in der Heiligen Schrift; die letzteren sind die Diener der Kirche. Die Hirten und Lehrer haben die Anweisungen der Schrift, wie das Leben im Glauben, das Leben auf dem Grund des Evangeliums, gelebt werden kann. Sie beraten daraus die Gläubigen, wie sie mit Unglauben und Sünde im täglichen Leben umgehen sollen; wie ihr Leben zur Ehre Gottes gelebt werden kann. Kurz gesagt: Sie wenden das Evangelium an auf all die Herausforderungen und Probleme, und auf all die Kämpfe mit der eigenen Schwäche, der Sünde, des Fleisches und der Welt. So wird der wahre Schatz der Kirche, das Evangelium, verwaltet: Verkündigt ins Leben der Gläubigen; verkündigt auf den Kanzeln vor der versammelten Gemeinde und verkündigt im persönlichen Gespräch mit dem Einzelnen.