Was hat die Kirche dir zu bieten?

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Vor einigen Jahren wurde ein Video einer neu gegründeten Kirchgemeinde veröffentlicht, in dem sie ihre Arbeit vorstellten. Darin fragte man Menschen, was sie sich von einer Kirche wünschen. Eine Dame sagte, dass darauf geachten werden solle, dass die Kirche allen Spass mache. Gross und klein sollen Freude an ihr haben. Andere meinten, dass die Kirche nicht weltfremd sein dürfe. Was dort besprochen werde, müsse in den Alltag der Menschen sprechen. Wieder andere wünschten sich eine liebevolle Gemeinschaft. Weil wir in einer Zeit leben, in der jeder für sich allein bleibt, solle die Kirche zu einem Ort werden, wo Menschen einander begegnen. Alle diese Erwartungen entsprechen natürlichen Bedürfnissen. Ohne Freude verkümmern wir. Jeder von uns muss sich der Realität stellen. Einsamkeit können wir nicht lange ertragen. In der Kirche treffen sich Menschen mit all ihren Bedürfnissen.

Die Kirche in der Zeit

Üblicherweise meinen wir, heutzutage in einer anderen Welt zu leben als die Menschen vor 500 Jahren. Die Pest wütete in den Städten. Die Mächtigen kämpften um Vorherrschaft und führten Kriege. Vor den Toren Wiens standen die Türken und man fürchtete nicht nur das Ende des Abendlandes, sondern meinte, dass das Ende der Zeit gekommen sei. Leuten, die ständig dem Tod ins Angesicht schauten, hatte die Kirche gewiss etwas zu bieten. Sie kann ihnen den Trost zusprechen, dass das Leben auf der Erde nicht die letzte Wirklichkeit sei. Nach dem Erdenleben wartet eine bessere Welt auf jene, die mit Gott im Reinen sind. Aber was kann die Kirche solchen anbieten, die sich nicht vor dem Tod fürchten und ein ausgefülltes Dasein geniessen? Genau diese Frage haben sich bereits Menschen zur Zeit Martin Luthers gestellt. Das Ende des Mittelalters war nicht so düster, wie wir meinen. Trotz der Bedrohung der Türken und der Pest herrschte eine Aufbruchstimmung. Im Süden Europas machten Maler, Bildhauer und Architekten von sich reden. Sie knüpften am Weltbild und dem Schönheitsideal der Antike an. Sie ermutigten ihre Zeitgenossen, sich am Leben zu freuen. Die Wissenschaft florierte. Die Natur wurde sorgfältig beobachtet. Der neu entwickelte Buchdruck machte möglich, dass Entdeckungen und Gedanken, mit denen man sich an einer Universität beschäftigte, in ganz Europa verbreitet wurden. So konnte überall an die Forschungsergebnisse angeknüpft und Ideen weiterentwickelt werden. Nicht nur die Gelehrten, sondern auch das gemeine Volk lernte lesen und erfuhr von den neuen Einsichten. Durch den florierenden Handel gelangte das Bürgertum zu Einfluss und Reichtum. Die Welt blieb nicht ausschliesslich in den Händen des Adels. Reiche Kaufmänner importierten Rohstoffe und liessen sie von der Landbevölkerung veredeln. In den Stuben der Bauern wurden Stoffe gewoben und kleine Drucksachen angefertigt. Durch Fleiss, kluges Wirtschaften und Sparsamkeit konnte die einfache Bevölkerung bescheidenen Reichtum erlangen.

So betrachtet glich die Zeit der Reformation in vielerlei Weise unserer Lebenssituation. Auch heute wird Wert auf Kultur gelegt. Man zieht Schönheit der Wahrheit vor, den Genuss der Notwendigkeit und die Vorstellung der Realität. Die Wissenschaft macht beeindruckende Fortschritte. Die Erklärungen der Kirche zur Welt sind scheinbar nicht mehr erforderlich. Die Kommunikation hat eine neue Dimension erreicht. Neuigkeiten verbreiten sich in Windeseile. Informationen der ganzen Welt stehen öffentlich zur Verfügung. Wir brauchen keine teuren Bücher zu kaufen und können uns den Weg in die Bibliothek sparen. Das Wissen, das in diesem Augenblick die Welt bewegt, ist nur ein Mausklick weit entfernt – per Smartphone sind wir imstande, überall und zu jederzeit darauf zugreifen. In den westlichen Ländern geniessen wir den Wohlstand. Wieder ist es möglich, durch Fleiss, kluges Wirtschaften und Sparsamkeit Reichtum zu gewinnen. Darum stellt sich heute wieder die gleiche Frage, die die Menschen im ausgehenden Mittelalter beschäftigte: Was hat die Kirche mir zu bieten? Es ist schlicht unnötig, von einem herrlichen Jenseits zu träumen, wenn man die Gegenwart in vollen Zügen geniessen kann. Niemand will ein Weltbild aufrechterhalten, das das Leben in der Antike prägte. Stattdessen wollen wir heute erfahren, was die Welt zusammenhält. Was hilft der Kirche in solchen Umständen, dass sie nicht in der Bedeutungslosigkeit versinkt? Was kann sie bieten, damit die Zeitgenossen sich für den Glauben an den ewigen Gott interessieren? Wie muss sie gestaltet sein, damit Menschen zu ihr gehören wollen?

Die Gestalt der Kirche

Immer wieder meint die kirchliche Obrigkeit, ihrer Gemeinschaft eine Gestalt geben zu müssen, die von den Zeitgenossen beachtet wird. In einer Zeit, in der überall herrliche Bauwerke errichtet und nach antikem Vorbild prunkvoll geschmückt wurden, gab Papst Julius II. den Auftrag, die grösste Kirche der Welt zu bauen. Das alte Gotteshaus in Rom war baufällig und bekannt für seine Mückenplage. Ein solcher Ort konnte nicht für die Herrlichkeit des christlichen Glaubens stehen. Der Bau des Petersdomes wurde in Angriff genommen. Er sollte dem Bischof von Rom eine angemessene Grabstätte bieten. Der Kirchenfürst meinte, auf diese Weise, Mitmenschen beeindrucken zu können.

In der Auseinandersetzung mit der Wissenschaft zog man sich auf geistliche Themen zurück. Anstatt zu den Entdeckungen der Geometrie, der Mathematik, der Botanik und Anatomie Stellung zu nehmen, sprach man unverständlich von den Geheimnissen des Glaubens, die die Sinne nicht erfassen können. Eine dieser Lehren war der Schatz oder Gnadenschatz der Kirche. Nach römischem Dogma hat Christus es möglich gemacht, dass den Menschen die Strafe für ihre Sünden erlassen werden. Damit seine Gnade wirksam wird, muss sie durch gute Werke fruchtbar gemacht werden. Die Gläubigen beschäftigte die Frage, wie viele Werke sie leisten müssen, um nach dem Tod nicht für eine lange Zeit im Fegefeuer für ihre Verfehlungen zu leiden. Die römische Kirche lehrt heute noch eine katholische – das heisst allgemeine – Lösung dieses Problems. Es gibt Menschen – alle Heiligen im allgemeinen und Maria im besonderen –, die während ihres Erdenlebens mehr gute Werke getan haben, als sie benötigten, um dem reinigenden Fegefeuer zu entgehen. Diese guten Werke gehen nicht verloren, sondern werden auf einem Konto gutgeschrieben. Das ist der Schatz, den die Kirche zu verwalten meint. Die überschüssige Gnade, die bereits fruchtbar gemacht wurde, kann den Gläubigen angerechnet werden. Der fromme römische Christ, der täglich in seinem Gebet Maria grüsst und von ihr sagt, dass sie voller Gnade sei, hofft, dass ihm ihre Werke gutgeschrieben werden. Selbst wenn ein Sünder nicht von Herzen bereut, wird die Gnade, die Maria erwirkt hat, es am Ende richten.

Wie die Lehre der Kirche, die Umstände der Zeit und die Bedürfnisse der Menschen zusammenpassen können, wird am Ablasshandel deutlich, der zu Luthers Zeit vorangetrieben wurde. Da war einerseits die Kirche, die unbedingt das grösste und herrlichste Gebäude der Welt bauen wollte. Sie lehrte, dass die Gläubigen am Gnadenschatz Anteil bekommen müssen, um nach dem Tod nicht für lange Zeit gequält zu werden. Andererseits konnten die Gläubigen, die durch ihre Arbeit einen gewissen Reichtum erlangten, sich etwas leisten. Erst unter diesen Umständen war es möglich, den Leuten Ablassbriefe anzudrehen. In ihnen wurde durch das Siegel des Papstes bestätigt, dass dem Besitzer die Strafe des Fegefeuers erlassen werde. Wer besonders wohlhabend war, leistete es sich, auch seine Eltern und Grosseltern von ihrem Elend loszukaufen. Dieser Handel kam den Menschen gelegen. Sie mussten nicht mehr hingehen und alle ihre Sünden bekennen und danach Busse leisten. Sie konnten es sich sparen, lange Gebete zu verrichten oder eine Wallfahrt zu unternehmen. Stattdessen erledigten sie die Sache mit einer Zahlung und widmeten sich ihren Tagesgeschäften.

Wie zur Zeit der Reformation wird heutzutage an vielen Orten versucht, die Bedürfnisse der Zeit für die Interessen der Kirche zu nutzen. Gotteshäuser und Gottesdienste werden so gestaltet, dass Menschen von ihnen beeindruckt sind. Einst feierte man Andachten in zweckmässigen Gebäuden. Die ersten Christen in Rom trafen sich in Katakomben, den städtischen Grabstätten, weil sie nirgendwo sicher waren. Heute wird an vielen Orten weit über das Notwendige hinausgegangen. Wieder sollen bereits beim Eintreten in die Kirche erkannt werden können, dass hier vom grössten Gott gesprochen. Es wird gezeigt, dass er kein armer Herr ist, sondern alle reich segnet, die sich zu ihm stellen. Die Musik, die genauso jeden Tag im Radio zu hören ist, schafft im Gottesdienst ein vertrautes Umfeld. Von der Bühne sind persönliche Erfahrungen zu vernehmen, die mit Christus erlebt werden können. Der Glaube ist zu einem Angebot verkommen, das man ergreifen kann, um mit Hilfe von Gottes Segen ein gelungenes Leben zu führen. Ein solcher Gottesdienst und solche Gedanken passen ausgezeichnet in unsere Zeit.

Heutzutage setzt sich der Glaube selten mit der Wissenschaft, der Technik oder der Philosophie auseinander. Er hat sich zu individuellen Sache entwickelt. Die Spiritualität, mit der man seinem Schöpfer begegnen will, könne nicht verordnet werden. Ganz im Gegenteil ist jede Art von Dogma anrüchig. Bereits der Versuch, den Glauben oder Gott und den Zugang zu ihm zu definieren, wird von Vielen abgelehnt. Es sei eine Angelegenheit des Herzens, hört man, und nicht des Verstandes. So wird der Glaube wieder zu etwas, worüber man höchstens in unverständlichen Phrasen spricht. Allerdings wird Wert auf Gemeinschaft gelegt. Das Credo vieler christlicher Gemeinden heisst: Die Kirche soll ein Ort sein, an dem eine verbindliche Gemeinschaft gepflegt wird, in der es genug Offenheit gibt, Gott auf unterschiedliche Art und Weise zu erfahren. Das ist die Gestalt, die die Kirche an vielen Orten angenommen hat. Sie scheint in unsere Zeit zu passen und angemessen auf die Bedürfnisse der Menschen einzugehen.

Fragen an die Kirche

Nicht alle Zeitgenossen Luthers waren blind für die Machenschaften ihrer Glaubensgemeinschaft. Darum wurden, wie es in den Thesen heisst, viele vorwitzige Fragen gestellt. Der Reformator war immer noch überzeugt, dass das geistliche Oberhaupt der Kirche nichts davon ahnte, wie das Geld für sein Bauvorhaben zusammengetragen wurde. Darum schrieb er (These 50):

Man soll die Christen lehren: Wenn der Papst die Erpressungsmethoden der Ablassprediger wüsste, sähe er lieber die Peterskirche in Asche sinken, als dass sie mit Haut, Fleisch und Knochen seiner Schafe erbaut würde.

Gottes Kinder haben es nicht nötig, beeindruckt zu werden. Vielmehr mussten sie von den Machenschaften der Ablasshändler geschützt werden, die ihren Hörern das Fegefeuer heissmachten, um möglichst viele Briefe verkaufen zu können. Das Wirken jener Reiseprediger entsprach der christlichen Lehre in keinem Stück. Darum ging der Reformator noch davon aus, dass der Papst nicht im Bilde sei, was in Deutschland getrieben wurde. Offenbar hatten nicht alle seine Zeitgenossen eine so hohe Meinung vom Oberhaupt der Kirche. Sie hielten dem Bischof von Rom vor (These 86):

Warum baut der Papst, der heute reicher ist als der reichste Krösus, nicht wenigstens die eine Kirche St. Peter lieber von seinem eigenen Geld als dem der armen Gläubigen?

Der Bischof von Rom wollte sich durch den Bau des Petersdomes ein Denkmal setzen. Dieses Streben erinnerte seine Zeitgenossen an die persischen Könige, die ihren Untertanen ihre Herrlichkeit demonstrierten. Sie waren nicht bereit, den Geltungsdrangs des kirchlichen Oberhauptes zu unterstützen.

Die Lehre, dass die Kirche den Gnadenschatz verwalte, war so offensichtlich mit dem Bauvorhaben in Rom verbunden, dass sie von den Gläubigen nicht mehr widerspruchslos hingenommen wurde (These 82):

Warum räumt der Papst nicht das Fegefeuer aus um der heiligsten Liebe und höchsten Not der Seelen willen – als aus einem wirklich triftigen Grund -, da er doch unzählige Seelen loskauft um des unheilvollen Geldes zum Bau einer Kirche willen – als aus einem sehr fadenscheinigen Grund?

Wenn der Papst sich wirklich um das Heil und das Wohlergehen der Gläubigen kümmerte, würde er doch alles unternehmen, um den Menschen die Qual des Fegefeuers zu ersparen. Warum gibt die Kirche jenen Menschen, die sich nach Erlösung sehnen, nicht frei an ihrem Schatz Anteil? Wenn das Heil, das Christus erworben hat, bereits fruchtbar ist, warum kann es zurückgehalten werden? Wenn Maria und die Heiligen überreich an Gnade und guten Werken sind, warum können die Christen sich nicht daran freuen, dass für sie genug getan wurde?

Genau wie die Gestalt, die die Menschen der Kirche am Ende des Mittelalters gegeben haben, wird die heutige Form hinterfragt. Hier einige Fragen, die unsere Zeitgenossen stellen:

Wir hören hier ähnlich vorwitzige Fragen zur aktuellen Gestalt der Kirche, wie sie zur Zeit Luthers geäussert wurden. Wieder sind diese Anfragen vielen Christen irgendwie peinlich. Ihr Bild vom Leben und vom Glauben, das sie sich so sorgfältig aufgebaut haben, wird hinterfragt. Das Papsttum, das mit dem Bau eines beeindruckenden Gotteshauses, dem Verwalten eines geheimnisvollen Schatzes und dem Handel mit dem Ablass beschäftigt war, konnte auf die vorwitzigen Fragen keine Antwort geben. Luther schrieb (These 90):

Diese äusserst peinlichen Einwände der Laien nur mit Gewalt zu unterdrücken und nicht durch vernünftige Gegenargumente zu beseitigen heisst, die Kirche und den Papst dem Gelächter der Feinde auszusetzen und die Christenheit unglücklich zu machen.

Das Evangelium ist die Antwort

Die Wahrheit muss ans Licht. Es muss klargestellt werden, was das Christentum ausmacht. Was liess einst die vorwitzigen Fragen verstummen? Wie kann die Kirche Glaubwürdigkeit gewinnen? Luther hatte eine überraschend einfache Antwort, die heute weder an Gültigkeit noch Aktualität eingebüsst hat (These 62):

Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium von der Herrlichkeit und Gnade Gottes.

Das Evangelium unterscheidet die Kirche von allen anderen Gemeinschaften. Es ist mit keiner anderen Lehre oder Philosophie zu vergleichen. In ihm wird offenbart, dass der Schöpfer der Welt herrlich ist. Er absolut heilig. Das heisst, dass er in allen seinen Wesensarten vollkommen ist. In ihm sind keine Fehler und keine Bosheit. Er kennt keinen Mangel, noch hat er es nötig, dass irgendjemand ihm hilft. Er lässt sich von nichts und niemandem hinters Licht führen und kennt die Wahrheit in allen Dingen. Dieser Gott beurteilt die Welt und wird alle Menschen richten – auch dabei wird er keinen Fehler machen.

Was ist der Massstab der Gerechtigkeit, an dem der Ewige seine Geschöpfe beurteilen wird? Er hat ihn in der Bibel offenbart. In den zehn Geboten hat Gott seinem Volk eine kurze Fassung überreicht, die an vielen Stellen der Schrift, ausführlicher erklärt wird. Durch die Geschichte Israels erfahren wir, was es bedeutet, das erste Gebot zu übertreten, und welche Auswirkungen Götzendienst hat. Menschen erdachten sich ein eigenes Bild von Gott und haben sich damit selbst getäuscht. Christus lehrte seine Jünger, dass jener Mensch bereits mordet, also das sechste Gebot bricht, der Zorn gegen einen Mitmensch in seinem Herzen hegt. Bereits lustvolle Blicke gehören zur Unreinheit, die Gott verachtet, und nicht erst der vollzogene Ehebruch. Wer diesen Massstab der Gerechtigkeit auf sein eigenes Leben anwendet, muss wie der Apostel Paulus zum Schluss kommen (Römer 3,23):

Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit verloren, die Gott ihnen zugedacht hatte.

Während Gott herrlich und vollkommen ist, fehlt diese Eigenschaft jedem Menschen von Geburt an. Das erklärt, warum wir von unserem Schöpfer getrennt sind. Vor ihm können wir nicht bestehen.

Im allerheiligsten Evangelium erfahren wir nicht nur von Gottes Herrlichkeit, sondern ebenfalls von der Gnade des Allmächtigen. Es ist gerade darum eine gute Nachricht, weil es jenen Menschen, die wegen ihrer Sünde von ihrem Schöpfer getrennt sind, einen Ausweg aus ihrer aussichtslosen Lage aufzeigt. Von den Sündern, die alle Herrlichkeit verloren haben, schrieb der Apostel Paulus weiter (Römer 3,24):

[Sie] werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.

Gottes Gnade kann nicht erworben werden. Weder durch eine Spende an die Kirche noch durch irgendwelche frommen Leistungen wird das Wohlwollen des Allmächtigen gewonnen. Der Glaube allein ist es, der reuigen Sündern die Gerechtigkeit schenkt, die ihnen fehlt, um vor ihrem Schöpfer bestehen zu können. Das Evangelium ruft Menschen auf, auf das zu vertrauen, was Christus getan hat. Er ist der Sündlose, das vollkommene Opfer, der die Strafe für die Ungerechtigkeit der Menschen auf sich nahm. Wer auf ihn vertraut, gewinnt Anteil an seinem Werk. Es braucht nicht das Mitwirken anderer Menschen, die das Heil des Erlösers verwirklichen. Kein Mensch kann leisten, was Christus vollbracht hat. Darum muss die Kirche schlicht und einfach die Botschaft verkündigen, dass bei Christus alles gefunden wird, was zum Heil nötig ist. Das ist der wahre Schatz der Kirche.

Es ist eine Täuschung, wenn die Kirche meint, beeindruckend sein zu müssen, um helfen zu können. Alles, was auf Erden bewundert wird, kann von Menschen erreicht werden. Wer sich Mühe gibt und klug wirtschaftet, kann sich Schönheit und jede Art von Glück leisten, das die Welt bieten kann. All diese irdischen Dinge sind himmelweit von der Glückseligkeit entfernt, zu der das Evangelium führt. Es ist eine Täuschung, Menschen aufzurufen, auf das Vermögen von Geschöpfen zu vertrauen. Der Psalmist lehrt Gottes Volk (Psalm 118,8): „Es ist gut, auf den Herrn vertrauen und nicht sich verlassen auf Menschen.“ Wenn alle Sünder sind und die Herrlichkeit verloren haben, die Gott ihnen zugedacht hat, ist es allen unmöglich, die Gerechtigkeit zu erfüllen. Gottes Wort macht den Schwindel deutlich: Es ist offensichtlich gelogen, wenn behauptet wird, einige Menschen hätten mehr getan, als für ihre eigene Seligkeit nötig wäre. Es ist eine Täuschung, zu meinen, Gottes Gnade könnte auf eine irgendeine andere Art gewonnen werden, als allein durch den Glauben. Der Prophet Samuel sagte zum König Saul, der sich nicht an Gottes Weisung hielt (1. Samuel 15,22): „Siehe, Gehorsam ist besser als Opfer und Aufmerken besser als das Fett von Widdern .“ Gott hat gesprochen und versprochen, dass er jeden retten werde, der auf seinen Sohn vertraut. Weil er der Wahrhaftige ist, können wir uns auf sein Wort verlassen und weil er der Ewige und Allmächtige ist, kann niemand und nichts seinen Ratschluss zunichte machen. Es ist auch eine Täuschung, wenn bloss die Gnade verkündigt und die Herrlichkeit Gottes verschwiegen wird. Damit Menschen den Schatz der Kirche erkennen können, müssen sie von ihrer Bedürftigkeit wissen. Sie zu schonen bedeutet, ihnen den Grund zu nehmen, an Christus zu glauben. Es ist ebenfalls eine Täuschung, den Menschen vorzugaukeln, dass sie in erster Linie menschliche Gemeinschaft, Unterstützung und den Zuspruch nötig hätten, um ein glückliches Leben zu führen. Das alles kann das zentrale Bedürfnis des Menschen nicht stillen, von dem in der Bibel die Rede ist.

Die Kirche kann nur dann Glaubwürdigkeit gewinnen, wenn sie von dem spricht, was ihr anvertraut wurde: Das Evangelium von Jesus Christus. Das gilt auch, wenn die Menschen, die die gute Nachricht hören, sie nicht verstehen oder sich sogar über die Gottes Herrlichkeit und Gnade ärgern. Wer den Segen des Evangeliums erreichen will, muss bekennen, alles Recht verloren zu haben, um von Gott angenommen zu werden. Genau dieser Schritt fällt niemandem leicht. Es ist grausam, wenn die Kirche, um ihre Mitmenschen nicht zu verärgern, ihnen ihre wahre Lage vor dem Schöpfer verschweigt! Falls sie rät, auf eine Täuschung zu hoffen, weist sie nicht den Weg zum Heil, sondern verführt ihre Zeitgenossen. Eine Kirche, die das tut, hat nach den Worten des Herrn ein strenges Gericht zu erwarten (Lukas 17,1-2). Sie hat ihren Auftrag aufgegeben, den sie von ihrem Herrn erhalten hat, wenn sie das Evangelium vernachlässigt. Damit hat sie ihren Herrn verlassen und hat den wahren Schatz verloren, den Gott ihr durch die Botschaft seiner Herrlichkeit und Gnade anvertraut hat.

Thesen zum Nutzen der Kirche

Ich schliesse den Vortrag mit drei Thesen. Sie sind zugleich die Antwort auf die Frage, was die Kirche – und ich meine jene Gemeinschaft, die ihre Mitmenschen nicht verführt, sondern zum Heil weist – ihren Zeitgenossen zu bieten hat.

  1. Die Kirche muss ihren Schatz kennen, um anderen dienen zu können. Sie muss die Botschaft verstehen, die ihr anvertraut wurde. Statt sich mit sozialer Gerechtigkeit, dem Weltfrieden oder der Frage nach einem erfüllten Leben zu beschäftigen, muss ihr erstes Interesse dem Evangelium von Jesus Christus gelten. Das ist keine einmalige Aufgabe, die rasch erledigt werden könnte. Die Botschaft, dass im Glauben an Christus vollkommene Vergebung aller Sünden und vollständige Gerechtigkeit zu finden ist, will unser ganzes Dasein prägen. Wirklich verstanden wird das Evangelium nur dort, wo mit ihm gelebt wird.
  2. Die Kirche muss das Evangelium verkündigen. Gerade dann, wenn die gute Botschaft von der Herrlichkeit und Gnade des Herrn Jesus Christus unverständlich erscheint, muss sie weitergesagt werden. Gerade dann, wenn sich Menschen über das Urteil des Evangeliums ärgern, darf nicht davon abgerückt werden. Es ist ein verheerender Fehler, wenn Bedürfnisse der Zeitgenossen der Kirche ihre Gestalt geben. Die Kirche muss zu jeder Zeit so gestaltet sein, dass alle Menschen das Evangelium klar und deutlich zu hören bekommen.
  3. Die Kirche muss auf alle irdische Dingen verzichten, die die Menschen beeindrucken. Sie muss Sorge darum tragen, dass die Menschen die Herrlichkeit des Herrn erkennen und auf seine staunenswerte Gnade vertrauen. Eine neue Bescheidenheit und Schlichtheit sind nötig. Statt sich selbst gross zu machen, muss in der Kirche bekannt werden, dass sich in ihr verlorene Sünder versammeln. Sie alle und die Frömmsten von ihnen zuerst, hoffen allein auf Gottes Gnade. Darum nehmen Gottes Kinder gerne gemeinsam an den Füssen ihres Herrn Platz. Seinem Wort wollen sie vertrauen. Mehr kann kein Mensch tun. In dieser Schlichtheit wird allerdings das Beste erkannt: Das Heil im herrlichen Herrn.

Nur wenn die Kirche diese drei Thesen berücksichtigt, wird sie den Menschen nützen – nützlich sein, das Heil der Seelen zu finden. Sie wird damit einige Erwartungen enttäuschen. Das ist besser, als wenn sie ihre Zeitgenossen täuscht und ihnen eine falsche Seligkeit vorgaukelt. Der Herr der Kirche gebe uns Weisheit und Kraft, bei der Wahrheit zu bleiben und sie auch in unserer Zeit zu seiner Ehre deutlich zu bezeugen!