Anlass zu Luthers Thesen

Luther war Seelsorger in Wittenberg. Es fiel ihm auf, dass immer weniger Menschen zu ihm in die Beichte kamen. Stattdessen reisten sie Ablasspredigern nach und suchten nach deren Lehren mit Gott ins Reine zu kommen.

Die römische Kirche lehrt, dass die Schuld der Sünden durch die Beichte und den Zuspruch des Priesters (Absolution) vergeben wird. Die Strafe für Vergehen wird damit jedoch nicht erlassen. Um diese abzuwenden, übt der Katholik fromme Werke (z.B. Wallfahrten). Weil die Lebenszeit nicht ausreicht, alle Verfehlungen wiedergutzumachen, werde die restliche Strafe nach dem Tod im Fegefeuer verbüsst.

Diese Sühnelehre war der fruchtbare Boden für den Ablasshandel. Ablassprediger schilderten ihren Hörern die Qualen des Fegefeuers und boten den erschreckten Gemütern Hilfe an. Kirchliche Dokumente, die das Siegel des Papstes trugen, wurden zum Kauf angeboten. Auf ihnen wurde der Erlass der zeitlichen Strafe für Sünden zugesichert. Die Busse wurde zu einem Geschäft. Bekannt ist der Merksatz, der Johann Tetzel (der berühmteste Ablassprediger) zugeschrieben wird: „Sobald das Geld im Kasten klingt (der Ablass bezahlt wurde), die Seele in den Himmel springt!“

Der Handel mit den Ablasspapieren hatte zweierlei Folgen im Leben der Christen. Die einen nahmen weder Gott noch die Sünde ernst, weil sie sich leicht von der Strafe loskaufen konnten. Andere blieben, obwohl sie beinahe ihr gesamtes Hab und Gut für Ablassbriefe hingaben, dennoch unsicher, ob sie genug getan hätten, um dem drohenden Fegefeuer entgehen zu können.

Luther sorgte sich um die Seelen seiner Zeitgenossen. Darum verfasste er die 95 Thesen. Er wollte damit eine theologische Diskussion über die Ablasspraxis anstossen und die kirchlichen Behörden dazu veranlassen, das schädliche Treiben der Ablassprediger zu beenden. Sein Ziel war es, dass die Christen wieder auf Christus und sein Heilswerk vertrauen. In einer Predigt zur Taufe sagte der Reformator später:

Die ganze Welt ist ja voll Taufe und Gnade Gottes gewesen und ist es noch; wir aber sind zu ängstlichen Eigenwerken und weiter zum Ablasswesen und zu ähnlichen falschen Trostversuchen verführt worden. Wir haben gemeint, wir dürften Gott nicht eher trauen, als bis wir rechtschaffen seien und bis für die Sünde Genugtuung geleistet sei, gerade als wollten wir ihm seine Gnade abkaufen oder bezahlen. Fürwahr, wer Gottes Gnade nicht so ansieht, dass sie ihn als einen Sünder dulden und selig machen werde, und wer allein seinem Gericht entgegengeht, der wird niemals froh, er kann ihn auch weder lieben noch loben. Wenn wir dagegen hören, dass er im Bund der Taufe uns Sünder aufnimmt, schont und von Tag zu Tag rein macht, und wenn wir das fest glauben, so muss das Herz fröhlich werden, Gott lieben und loben.
(Martin Luther, Sermon vom heiligen Sakrament der Taufe, 1519)